1. Kapitel „Angekommen“
Wie ein großes Gewitter oder ein bayerisches Bier (ein Helles) braut sich seit Jahren eine Traurigkeit über mir zusammen. Die kleinen stechenden Blitze können mich nicht schocken. Nichts haut mich (mehr) aus den Socken.
Am nächsten Tag beobachte ich die durchnässte Straße unter mir. Sie gibt nach. 2 Tauben suchen nach Futter auf ihr. Eine alte Butterbrezel liegt in der Ecke.
Der Weg zur Arbeit ist unendlich. Lang und trist. Meine Gedanken fliegen hin und her. Ich bin froh welche zu haben und lasse sie ziehen. Werden schon zurück kommen, denke ich.
Auf der anderen Straßenseite steht meine Frau mit unseren Kindern und winkt mir zu. Sie lächelt. Alles ist gut.
Ich biege um die Ecke. 2 rote Ampeln halten mich an und fragen nach dem Weg. Ein Polizist kommt hinzu und fragt mich nach meinem Ausweis. Den habe ich nicht mit, antworte ich.
Auf der anderen Seite der Welt geht gerade die Sonne unter. Oder auf. Ich weiß es nicht. Hier scheint sie mit ins Gesicht. Ich setze meine Sonnenbrille auf.
Nachts kann ich nicht schlafen und liege wach. Schau die Sterne an und höre dem Regen zu, der ans Fenster klopft. Ein vertrautes Geräusch. Ich sehe Lichter von vorbeifahrenden Autos an der Zimmerdecke. Das ist schön und erinnert mich an meine Kindheit. Mochte das immer sehr.
Morgens schmeckt mir der Kaffee besser als sonst. Er riecht auch gut. Alles ist gut.
Barfuß laufe ich durch den Schnee und räume Kinderspielzeug auf.
Frank ruft an und fragt, ob er sich etwas leihen kann. Klar kann er. Er kommt vorbei und wir trinken ein Bier. Er erzählt von seiner Arbeit, seiner Frau, seinen Kindern. Er ist alt geworden. So wie ich. Wir verabschieden uns herzlich. Es ist kalt geworden. Ich drehe die Heizung auf und zieh mir einen Pulli an.
Als ich Tage später im Flieger sitze schreibe auf auf meinem Telefon: Wie ein großes Gewitter oder ein bayerisches Bier braut sich seit Jahres eine Traurigkeit über mir zusammen.
Die Wolken unter mir, der blaue Himmel über mir. Keine Spur von Gewitter. Ich bin müde und schlafe ein. Gleich bin ich da. Alles wird gut, höre ich jemanden sagen.
Angekommen.
2. Kapitel „Liebe“
Während wir uns unterhalten kommen unsere Söhne und fragen uns Löcher in den Bauch. Das ist ok und soll so sein. Es ist der 4. Oktober. Schnee liegt auf der Straße. Wir haben viel zu besprechen und beantworten ihre Fragen.
Beim Landeanflug wurde mir übel erinnerte ich mich. War froh eine Welt, zu deren Erwärmung ich schamlos beitrug, unter den Füßen zu spüren. Jetzt zuhause schaue ich aus dem Fenster, sehe den Schnee und mir gegenüber meine Frau. Sie trinkt Kaffee und sieht hübsch aus. Ich mag sie gerne. Das ist ja nicht immer so mit Ehefrauen, oder Ehemännern. Aber wir mögen uns.
Ob ich ich einen Schatten, etwas zusammenbrauendes über oder zwischen uns fühle, fragte mich mein Therapeut irgendwann mal. Fand das eine doofe Frage. Nö, alles ist gut, antwortete ich.
Es ist das Paradies sagte jemand zu mir einmal auf dem Weg zur Arbeit oder im Traum, ich erinnere mich nicht.
Sie lächelt mich an und hält mir ihre Kaffeetasse zum auffüllen hin. Ich gieße ihr ein.
Später am Abend gehen wir aus, ins Kino. Ein Film über die Liebe.
Es ist einige Jahre her als ich voller naiver Lebenslust und Euphorie im Traum über eine Blumenwiese schwebte. Meine Zehenspitzen strichen über die Blumen. Gras kitzelte meine Fußsohlen. Die Sonne schien, aber es war kalt.
Nach dem Film trinken wir noch ein Bier und freuen uns, dass wir ausschlafen können, weil die Jungs bei der Oma sind. Es wird nicht so spät und wir stampfen durch den Schnee nach Hause.
Ich koche uns Pasta, wie früher.
3. Kapitel „Warum so skeptisch?“
Es war mal ein Mann, der hatte einen Freund, der ihn zu einer Party eines Freundes mitnahm. Dieser, letzterer, war ich. Es lag ein komischer Geruch in der Luft an diesem Abend in meiner Wohnung und ich fühlte mich nicht wohl. Der Mann aber sehr. Er trank, er flirtete, er tanzte. Ich kannte ihn nicht und wusste nicht über ihn.
Als er abends nach Hause ging war er glücklich. Das habe ich damals nicht so wirklich wahrgenommen , bzw. hatte mich nicht interessiert. Jetzt freue ich mich darüber, dass er es so nett hatte an diesem Abend und glücklich war.
Das hattest du mir schon mal erzählt, sagt meine Frau und das stimmte, ich hatte ihr das schon ezählt. Aber woher ich denn, abgesehen vom dem was ich am Abend beobachtete wusste, dass er glücklich war an diesem Abend und auch dem Weg nach Hause, fragt sie.
Das hatte mein Freund mir Jahre später erzählt, denn er erinnerte sich daran, dass er es ihm am nächsten Abend schilderte, wie auch den Rest seines Abends, seiner Nacht.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Geschichte weitererzählen soll. Eher nicht. Oder überhaupt eine Geschichte. Warum Geschichten erzählen? Auf der anderen Seite, warum so skeptisch?
Licht leuchtet in mein Zimmer voller Gedanken. Leuchtet alles aus. Einige Gedanken verkriechen sich in den Ecken und scheuen das Licht, die anderen stehen im Spotlight. Meine Kinder spielen mit Ihnen und werfen ihre hinzu. Ein bunter Haufen wilder und vergnügter Gedanken türmt sich in der Mitte des Zimmers auf. Eine Tür öffnet sich und ein Wind wirft alles durcheinander und bläst die leichten Gedanken aus dem Raum, raus in die Welt. Die schweren bleiben auf dem Boden verstreut liegen und wir fegen sie gemeinsam weg.
Meine Frau bringt die Jungs in Bett. Ich höre sie Geschichten lesen und Gute Nacht Lieder singen, während ich Spielsachen wegräume.
Eine große Kiste steht in der Ecke. Wer hat die denn da vergessen? „Alles rein hier“ steht da drauf und ich schmeisse alles rein. Die Kiste hat keinen Boden, alles verschwindet im dunklen Nichts, endlos, unsichtbar, unauffindbar, weg für immer. Ich springe rein.
4. Kapitel „Alles wird gut“
Es klingelt an der Tür, ein Paket wird geliefert. Es ist groß, unendlich groß und alles was in dieser Kiste verschwand ist ihn ihm, ich eingeschlossen. Meine Frau öffnet das Paket und ist überrascht, ich glaube aber auch erfreut, mich darin vorzufinden.
Sie nimmt mich in den Arm und sagt: Alles wird gut.
